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vom kunstplatz...1
Im Frühjahr 2004 lief im Wiener Künstlerhaus eine Ausstellung betitelt "Niemandsland. Modelle für den öffentlichen Raum". Manfred Nehrer, der Präsident des Hauses, verweist im Vorwort des Katalogs auf die zentrale Rolle des Künstlerhauses innerhalb der Initiative "Kunstplatz Karlsplatz". Deren Ziel sei "die urbane Aufwertung und Sanierung dieses zentralen Wiener Platzes", er solle "Experimentierfeld des Urbanismus und der Kunst" werden, die "dynamische Szene der Kunst, Kultur, Architektur, des Films, des Theaters und der Musik Wiens" werde dort ihren Platz finden. "Nirgendwo besser als am Karlsplatz lässt sich die Problematik des öffentlichen Raums besser und unmittelbarer erleben", schwärmt Nehrer, um gewichtig - im "Spannungsfeld" - zu sagen: "Der Umgang mit dem öffentlichen Raum ist immer ein gewichtiger Ausdruck gesellschaftlichen und politischen Bewusstseins."2
Dem mag zustimmen wer mag, brauchbare Auswürfe von solcherorts oft beschriebenen Spannungsfeldern müssten sich allerdings anders gestalten. Beobachten wir die konkreten Vertreibungs- oder Überwachungs-Politiken - die sog. "Schutzzone" oder die neue Polizeistation am Karlsplatz seien genannt - dann relativieren sich recht rasch jene Konzepte von Aufwertung oder die Sprache in Dynamiken. Gewollt wird hier und freilich begleiten einen solchen Prozess immer auch kritische Diskussionen oder Projekte ein weiterer sauberer, am Konsum orientierter "Ort mit Kunst" im Zentrum der Wiener City.
...zum matzleinsdorferplatz
Vom Ring zum Gürtel - sozusagen vom Zentrum zu einer Peripherie - gelangen wir vom Karlsplatz zum Matzleinsdorferplatz. An der Grenze zwischen dem fünften und dem zehnten Wiener Gemeindebezirk liegt der Matzleinsdorferplatz - ehedem ein schmucker Vorort, heute gemeinsam mit dem Südtirolerplatz und dem Südbahnhof an einer Tangente gelegen, welcher wenig Sympathie und viel Schmutziges zur Charakterisierung zuteil wird. Wir empfinden ihn - Falter hin oder her - als schön.
Zwischen dem 23. und dem 25. September 2005 wird der Matzleinsdorferplatz Ort sein für eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit Themen von Schmutz, Schund, Dreck oder Sauberkeit im Kontext von österreichischer Politik. Im Nachdenken über das Verhältnis von Zentrum und Peripherie lassen sich nämlich ästhetische wie politische Grundmuster oder soziale Bedingungen eines kapitalistischen Systems erklärbar machen. So bedingt - wenn wir eine einfach Formel bedienen - die Sauberkeit den Dreck, wie Reichtum Armut produziert. Eine gezielt wie bedachte Umverteilung des Drecks sollte angedacht werden.
An diesen drei Tagen wird der Matzleinsdorferplatz raumgebend sein für Filme, für eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Checkpoint Matzleinsdorferplatz für musikalische (Lärm-) Installationen - ein Fest - oder für eher performativen Aktionismus: wachsen wird die Müllbarrikade. Des Weiteren stellen am 23. und am 24. September ReferentInnen in kurzen Beiträgen Themenfelder von Verbrechen&Architektur, Überwachung, Graffiti, Repression, kritischer Kunst, feministischer Raumaneignung oder von Rassismus zur Diskussion.
Alles in allem: Der Matzleinsdorferplatz als Baustelle, unsere Baustelle!
"Der postmoderne Stadt Diskurs (verwandelte) soziale Differenzen in kulturelle Unterschiede: Die Hierarchie zwischen Klassen wurde als Ausdruck pluraler Lebensstile und als natürlicher Bestandteil einer widersprüchlichen Metropole festgeschrieben"3 (Prigge 1988)Matzleinsdorferplatz eben weil wir den Ort nicht als "Unort" oder "Niemandsland" begreifen. Es ist oft schlicht falsch und wenig fortschrittlich Stadträume als "Niemandsland" zu beschreiben, nur um dann mit all seiner eigenen kreativen Potentiale zur Ausweitung der Zivilisation schreiten zu können. Leer sind die Räume meist nur im Blick des Künstlers oder der Künstlerin und allzu oft - seien es temporäre Kunstnutzungen oder die neue Galerie - liefern die jungen Kreativen bloß den raschen Wachstumsimpuls, billig zudem. Ob und wie ein kritischer Umgang mit günstigen Räumen zur eigenen Nutzung gelingen kann, sei zur Diskussion gestellt.
Am Matzleinsdorferplatz soll nicht aufgewertet werden. Es soll auch kein Konzept von Stadt vorgelegt oder produziert werden.
"Von dieser Position (Vogelperspektive, Anm. d. Verf.) aus erliegt der Betrachter unweigerlich der Versuchung, die Stadt ausschließlich als Konzept (concept city) zu lesen, wie man es auch in utopischen und urbanistischen Diskursen findet. Dieser Blick von oben befriedigt die Sehnsucht der Planer und Reformer, die Stadt in ein Objekt des Wissens zu verwandeln, und damit in einen planbaren und regierbaren Raum. (...) Die Stadt wird, wie Michel de Certeau es formuliert, un espace propre, 'ein hygienischer Raum, gesäubert von allen physischen, mentalen und politischen Verunreinigungen, die die Stadt kompromittieren'. Die Stadt wir nicht nur ständig visuell durchdrungen, von Polizeistationen, Spitälern, Ämtern, Schulen, Gefängnissen, die die Bewohner permanent kontrollieren."4 (S.75)Letztlich soll auch keine Ästhetisierung von prekären Lebensverhältnissen vorgenommen werden. Die Projektion von chaotischen Hoffnungen auf vorgestellte Räume innerhalb einer Stadt oder auf Räume, wie den ehemaligen sog. Ostblock, bleibt unweigerlich in sterilen Stereotypen hängen.
gewalt
"Was den Protagonisten der inneren Sicherheit vorschwebt, ist die Wiederkehr eines autoritären Staates, der durch Disziplinierung und Repression politisch definierte Normen durchsetzt"(Hauser 1998)Wesentlicher Aufholbedarf innerhalb der Rederei vom Raum bestehe in einer konsequenten wie radikalen Thematisierung von Macht- und Gewaltverhältnissen, draußen wie drinnen. Feministische Kritik verweist immer wieder darauf, wie die Gewaltstruktur im Geschlechterverhältnis konstant Gewalt gegen Frauen zeitigt, der gefährlichste Ort ist für eine Frau immer noch der gemeinsame Wohnraum mit einem Mann. Aber auch den sog. öffentlichen Raum beherrschen sexistische Gewaltstrukturen. Konzepte zur Verhinderung von Vergewaltigungen oder sexuellen Übergriffen bleiben oft in kosmetischen Diskussionen verhaftet; zudem zeigt sich nicht selten der "Mann als Beschützer" für die Erstellung des Konzepts verantwortlich.
"Öffentlichkeit bietet nur dann einen gewissen Schutz vor Gewalt, wenn die Öffentlichkeit diese Gewalt ablehnt. Doch die Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum ist in unserer Gesellschaft strukturell, für die Gesellschaft konstitutiv, der sichtbarste Ausdruck der räumlichen Begrenzung, die ein Frauenleben von frühester Kindheit an durchzieht."5Gewalt passiert aber auch überall dort wo heute in einer Stadt überwacht wird, wo Security-Personal in Konsumlandschaften - eine Vorreiterrolle hat hier die Bahn eingenommen - unliebsame Menschen rausschmeißt, wo die Sauberkeit und andere architektonische Mätzchen die Vertreibung von Obdachlosen und andere Personenkreisen übernimmt, oder wo rassistische Hetzparolen an den Wiener Wohnhäusern prangen. Diese umfassende Gewalt ist selten Thema, in einer sauberen österreichischen Normalität, so posiert ein sozialdemokratischer Bezirksvorsteher - den gesellschaftlichen Konsens offensichtlich verinnerlicht - immer noch lieber empört vor einem Spruch wie "Verwende deine Wut gegen das Kapital", als vor einem der unzähligen "tötet Nigger" Wandschmierereien.
1. Für den vorliegenden Text wurde folgende Literatur gelesen und verwendet: Jochen Becker (Hg.): bigness. Size does matter. Image/Politik. Städtisches Handeln. Kritik der unternehmerischen Stadt, Berlin 2001; Gerald Raunig (Hg.): Transversal. Kunst und Globalisierungskritik (=republicart 1), Wien 2003; Klaus Schönberger (Hg.): Vabanque. Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte, Hamburg o.J; Regina Bittner (Hg.): Die Stadt als Event. Zur Konstruktion urbaner Erlebnisräume (=Edition Bauhaus, Bd. 10), Frankfurt am Main, New York 2001; Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, Frankfurt am Main 1999; Robert Foltin: Und wir bewegen uns doch. Soziale Bewegungen in Österreich, (=Edition Grundrisse, Bewegung, Bd. 1), Wien 2004; Dörte Kuhlmann, Sonja Hnilica, kari Jormakka (Hg.): Building Power. Architektur, Macht, Geschlecht, Wien 2003; ua.
2. Alle Zitate hier: Künstlerhaus Wien (Henny Liebhart-Ulm, Katharina Pabisch, Anna Soucek) (Hg.): Niemandsland. Modelle für den öffentlichen Raum, mit Beiträgen von Peter Arlt, Assocreation, Michael Barnert, ua., Wien 2004.
3. Klaus Ronneberger, Stephan Lanz, Walther Jahn: Die Stadt als Beute, Bonn 1999, S. 27f.
4. Michael Zinganel: Real Crime: Architektur, Stadt&Verbrechen, Wien 2003, S. 75.
5. Ebenda, S. 138f.
6. StadtRat (Hg.): Umkämpfte Räume, Hamburg, Berlin, Göttingen 1998, S. 25.